0. Vorbemerkung
In diesem Text soll versucht werden, eine Übertragung und Zusammenfassung
ausschließlich von Internet-Veröffentlichungen zum Thema
PDD zu geben. Da ich selbst kein Veterinärmediziner bin, kann ich
die Artikel lediglich referieren und versuchen, Informationen zusammenzustellen.
Gesucht wurde mit der Suchmaschine bei Web.de auf deutschen und internationalen
Seiten, die Treffer im deutschsprachigen Bereich (gesucht wurde nach
"pdd", "drüsenmmagen", "dilatation"
und der Kombination aus den beiden letzten Begriffen) gingen in ihrem
Informationsgehalt nicht nennenswert über den sehr informativen
Artikel, den Axel Wittenstein bei APN publiziert hat, hinaus.
Im internationalen Bereich wurde nach "macaw wasting" gesucht.
Die Suche ergab über 60 Treffer. Dieser Name ist nicht mehr so
gebräuchlich, aber eine Gegenprobe mit der Suche nach "proventricular
dilatation disease", "psittacine wasting syndrome" und
"neuropathic gastric dilation" verwies im wesentlichen auf
dieselben Artikel. Die Artikel sind, soweit feststellbar, nicht älter
als 5 Jahre; die unten angegebenen Sites wurden Anfang November 2000
besucht.
Trotz aller Sorgfalt kann ich Mängel und Fehler in der Recherche
und der Übertragung aus dem Englischen nicht ausschließen.
Falls also jemand auf Fehler, weitere oder aktuellere Informationen
stößt, bitte eine Mail an dr.horstmann@web.de.
1. Welche Tiere sind betroffen?
Infektionen wurden bei fast allen Papageienartigen festgestellt, gleich
welcher Herkunft und gleich, ob in Gefangenschaft oder freilebend. Offensichtlich
betrifft es aber auch Vogelarten, die nicht zu dieser Gruppe gehören:
"Suggestive lesions also have been reported in free-ranging Canada
Geese (Branta canadensis, Order Anseriformes), and Spoonbills, Toucans
and Weavers. Other non-psittacine birds also may prove to be susceptible
to this disease as improved tests are developed to accurately diagnose
affected individuals." (1), ähnlich
auch (3) und (4).
Nach (6) treten die meisten Fälle
bei Aras und Kakadus auf, aber generell können ohne Ausnahme alle
Papageienartigen erkranken.. Altvögel sind häufiger betroffen
als Jungvögel, dem Anschein nach erreichen mehr Jungvögel
das chronische Stadium, während die Altvögel fast immer das
akute Stadium nicht überleben (4).
2. Symptome und Diagnose
PDD ist durch biochemische Veränderungen im Nervensystem, besonders
in den Verdauungsorganen, charakterisiert (3).
Diese Veränderungen im Nervensystem wurden auch am Gehirn und der
Innervation des Herzmuskels beobachtet (4).
Es kann das ganze zentralnervöse System betroffen sein, aber auch
nur Teile davon. Dennoch scheint PDD hauptsächlich die Nervenzuleitung
der Verdauungsorgane zu befallen. Durch die Veränderung der Biochemie
im Nerv fehlen den Verdauungsorganen (einschließlich des Kropfes!)
wichtige Steuerreize, so daß sie die Arbeit mehr oder weniger
einstellen.
Die Funktionsstörung des Verdauungssystem hat kann Lethargie, Schwächung,
Polyurie und Durchfallerscheinungen zur Folge haben (1).
Wenn das zentrale Nervensystem befallen ist, können Bewegungsstörungen;
motorische Ausfälle oder abnormale Bewegungen des Kopfes hinzukommen
(1), (3).
Da der mutmaßliche Erreger die Innervation des Verdauungssystems
fortschreitend zerstört, wird die Nahrung nicht mehr verarbeitet.
Sie verbleibt unverdaut oder halbverdaut im Verdauungstrakt, wo sich
Bakterien ansammeln und es zu Sekundärinfektionen kommt (2).
Es ist nicht auszuschließen, daß ein guter Teil der Todesursachen
letztlich diese Sekundärinfekte sind, zumal der Kampf gegen das
Virus und der Gewichtsverlust auch das Immunsystem schwächen.
Die am häufigsten beschriebenen Symptome sind unverdaute Körner
im Kot (1), (4),
starker Gewichtsverlust (mit Zu- oder Abnahme des Appetits), ein stark
erweiterter Drüsenmagen, Erbrechen (dauernd oder gelegentlich,
(3)), aber auch erbrochene Futterreste
um den Schnabel und im Gesicht. Nach eigener Erfahrung ist letzteres
aber erst im Endstadium der Fall, wenn das Erbrechen zum Dauerzustand
wird und der Vogel schon so stark geschwächt ist, daß er
sich nicht mehr richtig putzen kann.
Abmagerung und unverdaute Körner im Kot sind erste Hinweise, eine
Röntgenuntersuchung bringt oft weiteren Aufschluß. Die Diagnose
"Drüsenmagendilatation" heißt erst mal nur, daß
das Tier einen erweiterten Drüsenmagen hat, ob die Ursache dafür
PDD ist, muß in jedem Fall abgeklärt werden. Vorsicht ist
daher bei der Selbstdiagnose geboten: Die von PDD verursachten neurologischen
Ausfälle können auch ohne Auffälligkeiten des Verdauungssystems
auftreten (1), (4);
die Symptome allein oder zusammen müssen nicht auftreten, obwohl
das Tier vom Virus befallen ist (2).
Sogar bei infizierten Tieren der gleichen Art können die Symptome
völlig unterschiedlich ausfallen (3).
Die Diagnose kann nur von einem Veterinärmediziner gestellt werden!
Sobald die ersten Anzeichen auftreten, umgehend einen kompetenten Tierarzt
aufsuchen und keinesfalls die Nerven verlieren! Die Diagnose "Drüsenmagendilatation"
heißt noch nicht automatisch PDD.
4. Herkunft, Erreger, Übertragung, Inkubation
Herkunft
PDD wurde mutmaßlich in den 70er Jahren von importierten Wildfängen
nach Nordamerika und Europa eingeschleppt (3).
Erreger
Seit der ersten Beschreibung wurden verschiedenste Ursachen für
PDD angenommen; die Vermutungen zielten häufig auf den Vergleich
mit bekannten Krankheiten ab. So wurde auch EEE (Eastern Equine Encephalomyelitis)
als Auslöser für PDD vorgeschlagen, EEE-infizierte Vögel
zeigen zwar vergleichbare Symptome, aber bei PDD-infizierten Vögeln
wurden nur in wenigen Fällen Antikörper auf EEE und verwandte
Viren (WEE, VEE) nachgewiesen.
Weiterhin wurde ein Paramyxo-Virus angenommen, es ist aber durch das
Fehlen von Antikörpern bei PDD-Tieren so gut wie auszuschließen.
Das gilt auch für Pacheco, Polyoma und Encephalitis.
Da bisher keine PDD-Antikörper gefunden wurden konnten, ist prinzipiell
auch eine Autoimmunreaktion denkbar. Als Gegenargument läßt
sich indessen anführen, daß die für Autoimmunkrankheiten
typische Demyelisation der Nervenscheiden bei PDD nicht feststellbar
ist (3).
Nach dem aktuellen Stand der Forschung steht ein behülltes Virus
von 80 nm Größe im Verdacht (3),
(4). Im Elektronenmikroskop konnten
recht zuverlässige Nachweise von Virusbruchstücken bzw. untypischer
Virus-RNS aus Kotproben geführt werden. Interessant dabei: Nach
drei Tagen ging die Trefferquote der Mikroskopie stark zurück;
es wird daher vermutet, daß der Virus außerhalb des Wirts
nicht lange überlebt (3):
In one trial, the suspect PDD virus was detected by electron microscopy
in the fresh excrement of 3 known positive birds, but could not be detected
in the same excrement sample 3 days later (a typical interval between
collection of a excrement sample in the field and its processing and
evaluation by electron microscopy). (3)
Übertragung
Nach (3) ist der Übertragungsweg
kaum nachzuvollziehen; Versuche, in denen gesunde Vögel infizierten
Gewebeproben ausgesetzt wurden, ergaben keine eindeutigen Infektionswege.
Auch Aussagen der Form "Wenn x, dann Infektion" können
nicht gemacht werden.
Obwohl es eher unwahrscheinlich scheint, kann nicht ausgeschlossen werden,
daß es immune Tiere gibt:
"Interestingly, disease does not develop in all exposed birds,
which suggests that some birds have an innate resistance, develop a
protective immune response, lack factors that are required for inducing
the disease, possess factors which prevent development of the disease,
or develop a carrier state. The fact that some exposed birds remain
normal is good news for the avicultural community." (1)
Nach Lage der Dinge ist es allerdings erheblich wahrscheinlicher, daß
in den Versuchen einfach ein spezifischer Infektionsweg, der für
die Verbreitung notwendig ist, nicht eingehalten wurde, und daß
deshalb auch exponierte Tiere nicht erkranken. Dieser Weg kann alles
sein: ein bestimmter Zwischenwirt, eine bestimmte Kontaktart, vielleicht
wird sogar nur irgendein Enzym oder eine chemische Verbindung benötigt,
das z.B. im Futter in den X-Kernen vorkommt, aber nicht in den Y- und
Z- Kernen.
Inkubation
In (2) wird eine Inkubationszeit von
8 Jahren erwogen, aber auch kürzere Fristen sind für akute
Fälle bekannt. Es wird auch berichtet, daß ein Partner eines
Brutpaares gestorben ist, und in den 5 folgenden Jahren kein Verlust
auftrat. Es gibt direkt oder indirekt exponierte Vögel, die nicht
infiziert wurden, bzw. bei denen die Krankheit nicht ausbrach. Das heißt,
auch wenn die Tiere dem Virus ausgesetzt sind, müssen sie sich
nicht notwendig infizieren; falls sie dennoch infiziert sind, können
sie Träger und damit auch Multiplikator des Virus sein. PDD ist
schon bei 10 Wochen alten Babies nachgewiesen worden.
In klinischen Versuchen ergab sich dieses Bild: Nach direktem Kontakt
mit dem Virus trat im schlimmsten Fall der Tod innerhalb von 11 Tagen
ein; im längsten Verlauf dauerte es bis zum ersten Auftreten von
Symptomen drei Monate. In Beständen tritt PDD in dieser akuten
Form manchmal bei vielen oder allen Tieren zugleich auf, manchmal sterben
einige Tiere und PDD verschwindet wieder - kann allerdings nach 4 oder
5 Jahren wieder aufzutreten. Hier ist zu mutmaßen, daß bei
einige Tiere den Ausbruch der akuten Form ohne sichtbare Anzeichen einer
Infektion überstanden haben, aber infiziert wurden, und an der
chronischen Form von PDD leiden. Es kommt in diesen Beständen auch
vor, daß exponierte Tiere nicht infiziert werden oder zumindest
unsymptomatisch bleiben (3). Es kann
als gesichert gelten, daß auch symptomlose Tiere Träger sein
und damit andere Tiere infizieren können! (4)
5. Lebenserwartung
Es gibt ein subakute, ein akutes und ein chronisches Stadium. Fast
alle Tiere sterben innerhalb weniger Monate nach Auftreten der ersten
Symptome. (4)
Bei guter Pflege können infizierte Tiere, die das akute Stadium
übergehen oder überstehen, Monate oder auch Jahre überleben.
Es soll Fälle geben, bei denen sich die Tiere bei guter Versorgung
wieder erholt haben; ich würde aber vermuten, daß es sich
hier um andere Krankheiten mit gleicher oder ähnlicher Symptomatik
gehandelt hat, da in keinem dieser Fälle PDD zweifelsfrei nachgewiesen
werden konnte (3). Bezweifelbar in diesem
Sinne ist die Aussage in (7), daß
sich ein infizierter Teilbestand nach der Separierung durch Futterumstellung
völlig erholt hätte.
Als grobe Näherung kann gelten, daß die Lebenserwartung
ab Auftreten der ersten Symptome beim akuten Verlauf einige Tage bis
Wochen beträgt, beim chronischen ungefähr 5 Jahre.
Nach (1) sind alle Tiere, bei denen
PDD gesichert festgestellt wurde, an PDD bzw. an Sekundärerkrankungen
gestorben.
6. Was kann für erkrankte Tiere getan werden?
Empfohlen werden Präventionsmaßnahmen und die Isolation
der Tiere (2). Nach (3)
sollten exponierte Tiere auf keinen Fall vorschnell getötet werden,
da es eine gute Chance gibt, daß sie unsymptomatisch bleiben.
Trotzdem wird auch hier zur Quarantäne / Isolation geraten.
Zur Unterstutzung raten die meisten Berichte zu leicht verdaulicher,
energiereicher Kost, peinlichster Hygiene, zur Schaffung einer streßfreien
Umgebung und der Verhütung / Behandlung von Sekundärinfektionen.
In (4) werden undokumentierte Berichte
angesprochen, nach denen einige Tiere sehr gut auf Interferon ansprechen
sollen. Lt. mdl. Auskunft eines Veterinärs sei die Interferontherapie
insofern ziemlich fraglich, als es noch keinen dokumentierbaren längerfristigen
Erfolg einer derartigen Therapie gegeben habe.
7. Kommentar und Spekulation
Wie es sich darstellt, könnte PDD die "kommende" Seuche
werden. Nach dem ersten Auftreten in den 70er Jahren scheint die Anzahl
der befallenen Tiere exponentiell anzusteigen.
Das besonders Hinterhältige an dieser Krankheit ist ihre fast
völlige Systemlosigkeit. Typische PDD-Symptome können auch
von anderen Krankheiten ausgelöst werden, und auch symptomlose
Vögel können Träger sein. Weiterhin ist der Übertragungsweg
als ziemlich ungeklärt einzuschätzen. Es ist zwar unwahscheinlich,
aber auch nicht auszuschließen, daß das Virus einen Zwischenwirt
braucht - wobei hier auch wieder fast alles in Frage kommt, was kreucht
und fleucht.
Wenn die Zwischenwirthypothese richtig ist, wäre es wichtig, diesen
Zwischenwirt zu kennen; andernfalls wäre es ebenso wichtig, einen
Zwischenwirt mit Sicherheit ausschließen zu können.
Da es meines Wissens noch keinen sicheren Antikörpertest gibt,
könnte es auch möglich sein, daß sehr viele Tiere den
Virus in sich tragen, es aber nur unter bestimmten Bedingungen zum Ausbruch
der Krankheit kommt.
Es gibt keine Anzeichen dafür, daß PDD dem Menschen gefährlich
werden kann, und die Wahrscheinlichkeit der Übertrag durch den
Menschen ist, wenn überhaupt, dann wahrscheinlich bei weitem geringer
als bei anderen Krankheiten, wo schon verschleppte Staubpartikel reichen
können.
Nach eigener bitterer Erfahrung würde ich allen, die sich einen
Papagei zulegen wollen, dringendst anraten, sich möglichst umfangreiche
Informationen über Verkäufer und/oder Züchter zu beschaffen.
Wenn irgend möglich, sollten sämtliche Vorbesitzer und der
gesamte Lebensweg des Tieres lückenlos dokumentiert sein. In den
Beständen sollten seit mindestens 5, besser noch seit 8 Jahren,
keine PDD-Fälle aufgetreten sein, und vor allem keine unerklärlichen
Todesfälle. Das kann schwierig sein und wird auch auf Unverständnis
stoßen, aber es gibt meines Erachtens keine andere Möglichkeit.
Mißtrauen ist der beste Schutz des eigenen Bestandes.
Es ist zu raten, ein zugeflogenes Tier isoliert halten, und bei einem
Neuerwerb möglichst viel über den/die Vorbesitzer zu erfahren.
Von einem unbekannten Züchter oder Händler sollte man versuchen,
im Kaufvertrag eine schriftliche Bestätigung zu bekommen, daß
der Bestand seit mindestens 5 oder besser 8 Jahren PDD-frei ist. Sicherlich
werden viele Züchter oder Händler das ablehnen, aber solange
kein risikoarmer, preiswerter Test existiert, scheint es die beste Prävention
sein.
Zum Schluß nochmals die Bitte: Falls sich neue Aspekte, Therapie-
oder Präventionsmaßnahmen ergeben, wäre ich für
eine Nachricht sehr dankbar. Das gilt auch für Krankheitsverläufe,
bei denen vielleicht ursprünglich ein PDD-Verdacht bestanden hat,
der aber später entkräftet wurde.
8. Quellen
(1) http://www.mecca.org/~rporter/PARROTS/no_pds.html
Ohne Angaben.
(2) http://www.multiscope.com/hotspot/pdd.htm
Hannis L. Stoddard, III, DVM: "Proventricular Dilatation Disease
(PDD)"
(3) http://parrotplay.com/articles/BransonRitchiePDDupdate.htm
Branson W. Ritchie, DVM, PhD; Christopher R. Gregory, et al. (Psittacine
Disease Research Group: "Progress in Preventing PDD, Polyomavirus
and PBFD Virus from 1998 MARE proceedings."
(4) http://www.mecca.org/~rporter/PARROTS/pds.html
Christopher Gregory et. al. (Psittacine Disease Research Group): "PROVENTRICULAR
DILATATION SYNDROME". Reprinted in part from material submitted
for publication to the Journal Association of Avian Veterinarians, o.A.
(5) http://www.voren.com/96-10-01.htm
Voren, H.: "Proventricular Dilatation Disease", aus: Breeder
Q & A, Bird Breeder Magazine, October 1996.
(6) http://www.lbah.com/Avian/proventricular_dilatation.htm
(O.A,): "Proventricular Dilatation Syndrome" Logo des Long
Beach Animal Hospital
(7) http://www.avianmedicine.com/reference/newsletter/avianexaminer/content/0027.htm
Harrison, Greg J.: "Use of Harrison's in Neuropathic Gastric Dilatation
(NGD) Cases"